DAS FÜNFTE GEBOT

Im fünften Gebot geht es um Demut.

Liebe Leser! Die Zehn Gebote bestehen aus zwei Teilen. Die ersten vier Gebote, die wir bis jetzt betrachtet haben, regeln unsere Beziehung zu Gott. Glaube, Wahrheit, Ehrfurcht und Treue waren die Schlüsselwörter, mit deren Hilfe wir uns der tiefen Bedeutung dieser Gebote genähert haben. Das erste dieser vier Gebote, in dem es um Glauben und Vertrauen geht, stellt das Tor dar, durch das wir in die göttliche Gemeinschaft und damit ins Reich Gottes eintreten.

Die nächsten sechs Gebote stehen auf der zweiten Gesetzestafel. Das erste Gebot auf dieser Tafel ist ebenfalls ein Eingangstor, und zwar treten wir durch dieses Gebot in die zwischenmenschliche Gemeinschaft ein. Denn die zweite Steintafel regelt das Verhalten der Menschen untereinander. Als Schlüsselbegriff hilft uns das Wort »Demut«, dieses Gebot besser zu verstehen. Demut bedeutet eigentlich »Mut zum Dienen«, eine dienende Einstellung anderen gegenüber.

Das erste Gebot der zweiten Gesetzestafel ist das fünfte Gebot: »Du wirst
deinen Vater und deine Mutter ehren, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.« (2. Mose 20,12)

Zuerst wird das Zusammenleben zweier Generationen als kleinste menschliche Gemeinschaft angesprochen: Eltern und Kinder. Die Familie ist die Grundlage jeder Gesellschaft. Das Niveau einer Gesellschaft erkennt man an den Formen ihres Zusammenlebens, dem Verhalten, der Disziplin, der Höflichkeit, der Bildung usw. – alles hängt davon ab, ob Familien in- takt sind. Die dort erzogenen Kinder entscheiden, wie die Welt der nächsten Generation aussehen wird.

Im fünften Gebot wird uns das Modell einer rechtschaffenen Familie vorgeführt – einer Familie, in der jeder seinen ihm zugewiesenen Ehrenplatz einnimmt. Das Wort »Demut« trifft daher den Kern dieses Gebots.

Nach göttlichem Plan steht der Vater an erster Stelle. Er fungiert als Haupt der Familie und trägt die größte Verantwortung. Ihm obliegt es, für den Lebensunterhalt seiner Familie zu sorgen. Darüber hinaus wird er sich an der Erziehung der Kinder liebevoll und engagiert beteiligen. Er hält sich an die Weisung Gottes: »Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, son- dern zieht sie auf in der Zucht und Ermahnung des Herrn.« (Epheser 6,4)

Die Mutter, die in diesem Gebot an zweiter Stelle genannt wird, ist das Herz der Familie. Sie hat Aufgaben, denen der Vater kaum nachkommen kann. Sie kümmert sich um die Kinder und hat den größten Einfluss auf die Gestaltung ihrer Charaktere. Alles das vollbringt sie in sanfter Hingabe.

Ein Kind soll sowohl Vater als auch Mutter ehren. Wie das Ehren aussieht, weiß das Kind allerdings nicht von alleine. Daher ist es wichtig, dass die Eltern den Kindern beibringen, was rechtes Ehren bedeutet, nämlich dass die Eltern den Ehrenplatz in ihren Herzen für immer behalten. Die Kin- der sollen wissen, dass ihre Eltern nicht lediglich irgendwelche Freunde
der Kinder sind, die man mit Vornamen anredet. Sie sind vielmehr Vater (Papa) und Mutter (Mama).

Diese Erziehung hat einen bleibenden Wert und besteht weiter fort, wenn ihre Erziehungsaufgabe abgeschlossen ist. Auch den alt gewordenen El- tern werden die Kinder Ehre entgegenbringen, eine Ehre, die durch die Liebe sogar noch gewachsen ist.

Die grundlegende Zeit, in der der kindliche Charakter geformt wird, sind die ersten drei Lebensjahre. Kinder brauchen die Liebe ihrer Eltern genauso wie ihre feste Hand. Nehmen sich die Eltern Zeit, gehen sie auf die Probleme ihrer Kinder ein, bringen sie ihnen bei, wie man richtige und gute Entscheidungen trifft und sich auch an sie hält, so zeigen sie den Kindern damit ihre Zuneigung.

Am besten erzählen Eltern den Kindern, wie liebevoll Gott sie erzogen und geführt hat, auch wenn er sie manchmal schmerzliche Erfahrungen machen ließ, damit sie aus ihren Sünden und Fehlern lernen. Dann werden auch die Kinder vernünftige Erziehungsmaßnahmen der Eltern gerne akzeptieren.

Gott hat mit diesem Gebot den Eltern wirklich eine große Aufgabe über- tragen. Sie wissen, dass Gott von ihnen erwartet, ihr Bestes bei der Kinder- erziehung zu geben, und können ihren Kindern vorleben, wie man dem himmlischen Vater glaubt und vertraut. »Wenn auch mein Vater und meine Mutter mich verlassen, so nimmt doch der Herr mich auf.« (Psalm 27,10)

Gottes Erziehung im Leben der Erwachsenen ist das beste Vorbild für die Kindererziehung. Gott beschreibt seine Erziehung folgendermaßen: »Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen wirst; ich will dich mit meinen Augen leiten.« (Psalm 32,8 Luther 84)

Auf diese Weise erfahren die Kinder, dass es glücklich macht, Gottes Ge- bote zu befolgen. Ungehorsam jedoch bringt nur Schwierigkeiten und so- gar Leid mit sich.

Auch durch gemeinsame Andachten wird das Herz eines Kindes mit Ehrfurcht und Demut erfüllt: »Ihr jungen Männer und auch Jungfrauen, Alte mitsamt den Jungen; sie sollen loben den Namen des Herrn! Denn sein Name allein ist erhaben, seine Glanz überstrahlt Erde und Himmel!« (Psalm 148,12.13)

Die Demut, die das Kind zu Hause gelernt hat, wird es dann den anderen Verwandten entgegenbringen, vor allem den älteren und erfahreneren Großeltern, Onkeln und Tanten usw.

Seine Hilfsbereitschaft und Achtung gilt besonders jenen, denen es viel zu verdanken hat, aber auch älteren Menschen generell.

Demut zeigt sich im Umgang mit allen Menschen, ob auf der Straße, in der Schule, bei der Arbeit oder in der Nachbarschaft. Demut ist höflich, freundlich und anteilnehmend. All das wird in der Familie entwickelt, in der die Kinder lernen, ihre Eltern zu ehren und auch die anderen Famili- enmitglieder zu achten.

Diese edle, demütige Haltung bleibt solchen Kindern auch im Erwach senenalter erhalten. Selbst wenn die Eltern nicht mehr leben, ist dieses Gebot weiterhin gültig, sonst gäbe es für diese »Kinder« ja nur noch neun Gebote.

In der Familienrangordnung ist der Vater also das Haupt, die Mutter das Herz. Die Kinder stehen zwar in der Reihenfolge unten, haben aber eben- so einen hohen Wert. Diese Rangordnung ist jedoch von einem großen Feind bedroht – dem Stolz. Die Bibel zeigt die logische Folge eines hoch- mütigen Charakters: »Stolz kommt vor dem Zusammenbruch und Hoch- mut kommt vor dem Fall.« (Sprüche 16,18)

Das fünfte Gebot kann man nur mit Demut befolgen, dem Gegenteil von Stolz. Besonders erwachsene Kinder, die nicht selten gebildeter sind als ihre Eltern, brauchen Demut, Fingerspitzengefühl und Höflichkeit.

Demut aber geht über die Unterordnung unter die Eltern hinaus und be- zieht sich auch auf Lehrer, Vorgesetzte, Führungspersönlichkeiten, Regie- rungsbeamte, das Staatsoberhaupt, vor allem aber auf den himmlischen Vater, der in einer christlichen Familie der Mittelpunkt ist.
Immer und immer wieder sollten Eltern ihren Kinder von Gottes Führung in ihrem Leben erzählen. Diese Erfahrung in der Erziehung haben schon die alten  Patriarchen der Bibel gemacht.

»Was wir gehört und gelernt haben und was unsere Väter uns erzählt haben, das wollen wir ihren Kindern nicht vorenthalten, sondern den Ruhm des Herrn erzählen dem späteren Geschlecht, seine Macht und seine Wun- der, die er getan hat.« (Psalm 78,3.4)

Auf diese Weise lernen die Kinder, dass Gesetzestreue zum Leben führt, Ungehorsam aber den Tod nach sich zieht.

So gilt das Gebot der Demut sowohl für Kinder als auch für die Eltern, die
damit »in dem Herrn« zum Vorbild werden für ihre Kinder. Gott ermahnt die Menschen, bietet ihnen gleichzeitig seine Hilfe in ihren Problemen an und verheißt ihnen als Frucht ihres Gehorsams großen Segen.

Das fünfte Gebot endet mit den Worten: »damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.« Es zeugt von Weisheit, wenn man sein Leben nach dem fünften Gebot gestaltet, denn es bringt Frieden in Familie und Gesellschaft. Zudem verspricht Gott Wohlergehen und langes Leben.

»Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn; denn das ist recht.
›Du wirst deinen Vater und deine Mutter ehren‹, das ist das erste Gebot mit
einer Verheißung: ›damit es dir gut geht und du lange lebst auf Erden.‹«
(Epheser 6,1-3)

Gott möchte uns darauf vorbereiten, dass wir, wenn Jesus wiederkommt,
mit dem Prophet Jesaja demütig sagen können: »Siehe, ich und die Kinder,
die mir der Herr gegeben hat.« (Jesaja 8,18) 