Daniels bittere Enttäuschung

„Hierauf war ich, Daniel, ganz erschöpft und lag einige Tage krank; dann stand ich zwar wieder auf und versah meinen Dienst beim König, befand mich aber wegen des Gesichts
 in entsetzlicher Aufregung; da ich es mir nicht erklären konnte.“ 
(Daniel 8,27/Menge)

Mit der obigen Aussage drängt sich eine wissbegierige Frage auf: Was wurde dem Daniel in der letzten Vision anvertraut, dass er so sehr abschlägig reagierte? Dieser Artikel soll der Antwort dienen.
Der Anfang dieser Geschichte reicht in die Zeit, als der Jüngling Daniel samt seines jüdischen Volkes in die Gefangenschaft Babyloniens verschleppt wurde – zur Zeit des damaligen babylonischen Königs Nebukadnezar. Obwohl Daniel im königlichen Palast eine sehr gute Stellung hatte, sehnte er sich immens nach einer Rückkehr nach Jerusalem und dem dortigen prächtigen Haus Gottes, dem Heiligtum, erbaut durch den weisen König Salomo, dem Sohn Davids.
Dieser Daniel hier war ein Jude, erzogen in einer edlen, gottergebenen Familie, die nach dem Gesetz Mose ehrbar lebte. Er war so vornehmlich erzogen, auch im geistlichen Bereich, dass ein himmlisches Wesen, von einer sehr großen Majestät, zu ihm sagte: „Und er sprach zu mir: Daniel, du vielgeliebter Mann!“ (Daniel 10,4-11)
Daniel interessierten besonders die von Gott inspirierten Schriften. Demnach studierte er auch das Buch des Propheten Jeremia. Die folgenden Worte dieses Buches berührten Daniels sehnsüchtige Seele nach der Heimat besonders stark:
Jeremia 25,7-11(gekürzt): „Aber ihr wolltet mir nicht gehorchen, spricht der HERR, auf dass ihr mich ja erzürntet durch eurer Hände Werk zu eurem eigenen Unheil. Darum, so spricht der HERR Zebaoth: Weil ihr denn meine Worte nicht gehört habt, siehe, so will ich ausschicken und kommen … meinen Knecht Nebukadnezar, den König von Babel, und will (sie) ihn bringen über dies Land und über seine Bewohner … und will an ihnen den Bann vollstrecken … Dies ganze Land soll wüst und zerstört liegen … siebzig Jahre lang“ (Siehe: Jeremia 29,1-23)
Durch das Studium dieser Botschaft fing Daniel an zu verstehen, dass diese 70 Jahre bereits zu Ende gingen. Überwältig von großer Freude betete er das schönste Gebet der Bibel. In tiefer Demut und Reue, vertretend für sein ganzes Volk Israel, bekannte und bereute er alles Übel, Untreue und Abtrünnigkeit Gott gegenüber, wegen dem alles Unglück auf sie herabgekommen war.
„Im ersten Jahr des Darius, des Sohnes des Ahasveros … in diesem ersten Jahr seiner Herrschaft verstand ich, Daniel, in den Büchern die Zahl der Jahre, die sich an Jerusalem erfüllen sollte. So war das Wort des HERRN an den Propheten Jeremia ergangen: Siebzig Jahre soll Jerusalem wüst liegen.“ (Daniel 9,1-5)
Was weiter geschrieben steht ist ein Hinweis darauf, dass Daniel den Verlauf dieser Prophetie mit großem Interesse verfolgte. Und nicht nur das, sondern er betete inbrünstig für deren Erfüllung. Es folgt das schönste Gebet der Bibel:
„Und ich kehrte mich zu Gott, dem Herrn, um zu beten und zu flehen unter Fasten und in Sack und Asche. Ich betete aber zu dem HERRN, meinem Gott, und bekannte und sprach: Ach, Herr, du großer und schrecklicher Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen.“
(Lies das ganze 9. Kapitel)
Zu dieser Zeit der unübertroffenen Freude bekam der inzwischen alt gewordene Daniel eine neue, große Vision, die ihn wie ein Blitz tief und sehr schmerzhaft ins Herz traf. In dieser neuen aussagekräftigen Vision sah er mehrere Zukunftsbilder.
Obwohl ihm der Sinn dieser Vision durch den Engel erklärt wurde, meinte er höchst wahrscheinlich weiterhin, dass diese 70 Jahre aus dem Buche Jeremias, für eine sehr lange Zeit verlängert wurden. Sein Traum auf die baldige Rückkehr in seine Heimat und zum Hause Gottes war geplatzt.
Diese große Enttäuschung fesselte ihn krank aufs Bett und nahm ihm sogar die Lust am Essen. Von all dem was er mitbekommen hatte (Daniel, Kapitel 8), verstand er kaum etwas. Das Einzige, was er meinte verstanden zu haben, war der Bericht von den 2300 Jahren. Aber zuletzt hat sich bewiesen, dass er auch dies nicht richtig verstanden hatte.
In der Bibel gibt es weitere Beispiele, in denen Enttäuschungen zu vermuten sind:
Adam und Eva haben sich über ihr Zuhause im Garten Eden bestimmt sehr glücklich geschätzt und waren freudestrahlend. Doch dann, wegen einer „Kleinigkeit – Lappalie“, mussten sie dieses Domizil erbarmungslos verlassen!
Wie sehr enttäuscht musste der Patriarch Jakob gewesen sein, der voll Freude mehrere Tage zu seinen Brüdern marschierte, um sie zu sehen und ihnen einen Gruß des Vaters auszurichten. Stattdessen erlebte er, von seinen eigenen Brüdern als Sklave verkauft zu werden!
Wie sehr musste Mose enttäuscht gewesen sein, der doch das Moralgesetz Gottes dem Volke überreicht hatte, als er später zuschauen musste, wie sein Volk voll Euphorie vor einem goldenen Kalb tanzte!
Wie sehr musste dieser alte Patriarch Mose enttäuscht gewesen sein, der das Volk Gottes mit viel Mühe, unter großen Strapazen und Anstrengungen, manchen Entbehrungen usw., vierzig Jahre lang in das verheißene Land führte, doch zuletzt selbst nicht hineindurfte!
Man könnte die Frage stellen, ob der Herr Jesus auch enttäuscht war, als Er, aus echter Liebe, sich selbst entäußerte, zur Erde kam, um Menschen, dich und mich, zu retten. Dann aber, anstatt Dankbarkeit zu ernten, viel Bitteres von den Menschen erleben musste und zuletzt von ihnen getötet wurde.
Wie sehr enttäuscht und verzweifelt werden diejenigen einmal sein, die wiederholt vorgaben, durch den Glauben bereits erlöst zu sein, dann aber die Stimme des Herrn Jesu zu hören bekommen: „Und dann werde ich ihnen bezeugen: Ich habe euch nie gekannt; weicht von mir, ihr Gesetzlosen! (Matthäus 7,23)
Einer Enttäuschung geht immer Hoffnung voraus. Die Größe der Enttäuschung bestimmt die Größe der Hoffnung! Es sind Hoffnungen, die man nicht beeinflussen kann. Solche gehören zum Gebet, denn nur der liebende Gott kann sie nach Bedarf erfüllen. Aber es sind auch Hoffnungen die man als Schwärmereien bezeichnet. Letztlich gibt es Hoffnungen, die mit dem Verstand, im Sinne des Kausalitäts-Gesetzes (Ursache und Wirkung) verarbeitet werden müssen. Bei allen nicht erfüllten Hoffnungen gilt eine feste Regel – nicht in eine Panik abzurutschen, sondern vor Augen den wahrhaften Spruch behalten. „Die Hoffnung stirbt zu Letzt!“!
Solche Ratschläge hier sind leichter auszusprechen, als im Alltag zu verkraften und einzusetzen. Hier helfen persönliche Lebens-Erfahrungen, die oft mühsam gesammelt werden müssen. Um sie nicht zu vergessen, ist es ratsam, solche in ein Buch zu sammeln. Sie sind bei Bedarf des Goldes wert. In einer seelischen Krise können sie sogar den Glauben retten – einen Glauben, ohne den es unmöglich ist, einen sinnvollen und fröhlichen Lebensstil mit Lebensinhalt zu leben – zu verbringen.
Trotz der bitteren Enttäuschung verlor dieser biblische Daniel seinen Glauben und seine Hoffnung nicht. Man könnte es als eine Belohnung bezeichnen, als er eine weitere Vision über drei Engel bekam:
„In jenen Tagen trauerte ich, Daniel, drei volle Wochen. Kostbare Speise aß ich nicht, und weder Fleisch noch Wein kamen in meinen Mund; und ich salbte mich nicht, bis drei volle Wochen um waren. Und am 24. Tag des ersten Monats, da war ich am Ufer des großen Stromes, das ist der Hiddekel. Und ich erhob meine Augen und sah: Und siehe, da war ein Mann, in Leinen gekleidet …“ (Daniel 10,2-5)
In diese Vision gesellten sich später zwei weitere Personen: 
„Und ich, Daniel, sah: Und siehe, zwei andere standen da, einer hier am Ufer des Stromes und einer dort am Ufer des Stromes. Und einer sagte zu dem in Leinen gekleideten Mann, der oben über dem Wasser des Stromes war: Wann ist das Ende dieser außergewöhnlichen Ereignisse? Und ich hörte den in Leinen gekleideten Mann, der oben über dem Wasser des Stromes war, und er erhob seine Rechte und seine Linke zum Himmel und schwor bei dem, der ewig lebt: Zeit, Zeiten und eine halbe ⟨Zeit⟩! Und wenn die Zerschlagung der Kraft des heiligen Volkes abgeschlossen sein wird, wird alles dies vollendet werden.“ (Daniel 12,5-7)
Diese drei Männer bilden ein Dreieck am oben genannten Strom. Sie bringen die letzte Warn-Botschaft vor der Wiederkunft des Herrn Jesus. Bei genauem Betrachten findet man eine Parallele in der Offenbarung, Kap. 10, 18 und 7. Dort handelt es sich um eine Botschaft von drei laut rufenden Engeln – die „Dreiengelsbotschaft“ aus der Offenbarung, Kap.14, jedoch in der Phase des „Lauten Rufes“.
„Und der Engel, den ich auf dem Meer und auf der Erde stehen sah, erhob seine rechte Hand zum Himmel und schwor bei dem, der von Ewigkeit zu Ewigkeit lebt, der den Himmel erschuf und ⟨das,⟩ was in ihm ist, und die Erde und ⟨das,⟩ was auf ihr ist, und das Meer und ⟨das,⟩ was in ihm ist: Es wird keine Frist (Gnadenzeit) mehr sein.“ (Offenbarung,10,5.6)
„Und ich hörte den in Leinen gekleideten Mann, der oben über dem Wasser des Stromes war, und er erhob seine Rechte und seine Linke zum Himmel und schwor bei dem, der ewig lebt: Zeit, Zeiten und eine halbe! Und wenn die Zerschlagung der Kraft des heiligen Volkes abgeschlossen sein wird, wird alles dies vollendet werden.“ (Daniel 12,7)
„Du (Daniel) aber geh hin, bis das Ende kommt! Du darfst nun ruhen und wirst einst auferstehen zu deinem Erbteil am Ende der Tage!“ (Daniel 12,13)
Ich glaube fest, dass zum Schluss der ganzen Kundgebung, die der Daniel bekam und erlebte, sich seine bittere Enttäuschung zum triumphierenden Jubel verwandelte!

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